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24Mrz/081

Jonas´ Reise – Teil 9

Alle bisherigen Teile von “Jonas´ Reise” finden Sie in der Übersicht.

"Erhebe dich, Versunkener, du hast dich als würdig erwiesen!"
Jonas tat wie geheißen und kam von den Knien hoch. Er senkte in gespielter Demut den Kopf und der vor ihm stehende Priester der "Hellen See" hängte ihm ein Amulett an einer kleinen Kette um. Die Phiole mit Meerwasser und dunkler Erde lag kühl auf Jonas Haut.
"Wir haben einen Neuen in unserer Runde, der durch seine Taten bewiesen hat, dass er sich aus der Mühsal der ersten Stufe herausgeschält hat wie unser Volk, das sich bald aus der nassen Umklammerung dieser Welt befreien und zu den Außermeerischen emporsteigen wird."
Jonas lachte innerlich. Das Dickerchen vor ihm konnte ja nicht wissen, wie sehr er sich freuen würde, alle hier gleich jetzt zu den Außermeerischen zu befördern. Wenn nur die Suche nach Emilie nicht wäre, für die er den guten Schein wahren musste, hätte er gleich hier und jetzt reinen Tisch gemacht.
Das gute Dutzend Gemeindemitglieder klatschte Beifall und Jonas ging nach einer Verbeugung vor dem Dicken zu ihnen herüber und schüttelte jedem einzeln die Hand. Mit dieser Anzahl an Menschen war das Quartier der Sekte mehr als gut gefüllt und in der Enge kam Jonas nur langsam voran. Anerkennde Klopfer auf die Schulter folgten ihm bei jedem Handschüttler. Bis er vor Benedikt stand. Der junge Lodt schaute ihn zufrieden lächelnd an und in seinen hellen blauen Augen lag ein schelmisches Blitzen. Die Haare raspelkurz geschnitten wirkte der schmächtige Mann in der dunkelblauen Robe, der Gottesdiensttracht der "Hellen See", fast verloren. Auch sie schüttelten sich die Hand und Jonas nickte Benedikt zu. Ohne dessen Fürsprache wäre er trotz der ordentlichen Säuberungs- und Kampfleistung sicherlich nicht so schnell zur zweiten Stufe der Sekte aufgestiegen. Wer hatte aber auch ahnen können, dass Benedikt der Sohn eines höheren Tieres war und mehr pro forma als wirklich ernsthaft die unteren Stufen eben durchjuckelte, um dann die rechte Hand seines Papis spielen zu dürfen. Glücklicherweise hatte er den Bengel kennengelernt. Noch längere Zeit als die eh schon vergangenen zwei Wochen in Säuberungs- und Bewachungsdiensten hätte er nicht über sich ergehen lassen, Freundschaftsdienst hin oder her. Sein Bankkonto wollte ja schließlich auch ab und an gefüttert werden.

Es wurde aufgetischt. Jonas setzte sich auf die lange Partybank, die zusammen mit den anderen flugs aufgebauten Partymöbeln die Sektenwohnung zu einem Bankettraum ummodelte. Das gute Dutzend Spinner wollte ja schließlich auch beköstigt werden, von Realitätsverleugnung allein konnte man auch als Sektierer nicht leben. Das Plastholz bog sich, Schüssel um Schüssel mit dampfendem Algenmus, Fischfilets, Meeresfrüchten und dem guten Cidration-Bier aus Arbiträa wurde aufgetischt. Warum auch zu den Außermeerischen aufsteigen, wenn man bis dahin verhungert war? Bei der Armee schickten sie auch keine hungrigen Soldaten auf den Feind, leerer Magen kämpft schlecht.
Jonas tischte sich auf und Benedikt neben ihm baute aus grünlichem Algenmus und hellen Fischstreifen einen scientianischen Grinse-Smiley auf seinem Teller nach. Jonas musste unwillkürlich lachen und stupste Benedikt in die Seite, was ihnen einen tadelnden Blick des Dicken einbrachte. Der Priester hatte sich selbstverständlich an Kopf gesetzt und wollte wohl gerade mit dem Tischgebet beginnen.
"Oh Außermeerische, wir danken euch für Speis und Trank. Segnet diese eure Gaben, auf dass wir uns euch bald anschließen können. Wir wollen zu euch emporsteigen und mit euch feiern Tag um Tag."
Ohne ein weiteres Wort griff er zu seiner Gabel und die Gruppe tat es ihm gleich. Das Bankett war eröffnet.
Eine halbe Stunde später lehnte sich Jonas zufrieden zurück. So satt war er lange schon nicht mehr gewesen. Er hob die Cidrationflasche und Kondenswasser tropfte von der Außenseite auf sein blaues Gewand. Benedikt prostete ihm zu und schaute ihn fragend an.
"Was?"
Der junge Lodt druckste etwas herum. Dann: "Mein Vater will mich auf eine Mission schicken, die, wie er sagte, heikel werden könnte. Hättest du Lust mich zu begleiten?"
"Weißt du denn, worum es geht?"
"Nicht so genau. Aber es soll für die ´Helle See´ ziemlich wichtig sein. Ziwochda und Glamiel aus dem fünften Kreis sollen ebenfalls mit an Bord sein. Wenn die da sind, wird das wohl stimmen."
Der fünfte Kreis. Zweithöchste Führungsebene. Perfekt wenn er mehr über die Struktur erfahren wollte, um Emilie zu finden.
Jonas lächelte zu Benedikt herüber und nahm einen Schluck des süffigen, leicht süßlichen Algenbiers. Er zwinkerte dem Nachwuchsspinner zu.
"Klar, bin dabei."
Er erntete ein Lächeln.

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18Feb/080

Jonas´ Reise – Teil 8

Alle bisherigen Teile von “Jonas´ Reise” finden Sie in der Übersicht.

Jonas seufzte, stellte den Mopp zurück in den Putzeimer und drehte sich betont langsam um. Und erstarrte. Er hatte mit den üblichen drei, vier Jugendlichen gerechnet, die sich einen Spaß mit den Sektenspinnern machen wollten. Aber nicht mit sechs Gangern in harter Kluft, bewaffnet mit Messern und irrem Flackern in den Augen. Ein gut 18 Jahre alter Lodt mit einem Sternentätoo auf der Glatze und schwarzen Kunstlederklamotten war offenbar der Anführer, jedenfalls stand er gut zwei Schritte vor dem Rest der Truppe. Messer blitzen im Licht der hellen Kunstlampen im Unten, der einfachsten Wohngegend von Lod - und je tiefer man kam, desto mehr wurde es zum Slum. Alles Kerle, alle in schwarzen Klamotten und mindestens einen Schlagstock, meist aber Messer in der Hand. Sechs gegen vier und das mit deutlichen Ausrüstungsnachteilen. Konnte spaßig werden! Jonas drehte betont langsam die Handflächen nach außen und ging einen - kleinen - Schritt auf den Trupp zu. Das Geräusch seiner Stiefel auf den Metallplatten des Ganges hallte laut nach. Kein anderer Laut war zu hören, der eben noch halbwegs bevölkerte Gang lag wie ausgestorben da. Augen schielten aus Türöffnungen, Ohren waren an die fadenscheinigen Wohnungswände gepresst. Besser als TV! Aber helfen würde keiner.
"Was wollt ihr?", fragte Jonas hart und unnachgiebig. Keine Schwäche zeigen!
Sternie lachte blökend auf und drehte sich zu seinen Kumpels um.
"Was wir wollen, fragt die halbe Portion?! Ich schmeiß mich weg!" Mit einer fließenden Bewegung wandte er sich wieder zu Jonas um, ließ das Messer von der einen in die andere Hand fliegen.
"Du kannst dem Meer auf Knien danken, wenn wir euch nur ein bisschen vertrimmen wollen, Alterchen!"
Wieder sprang das Messer zwischen den Händen hin und her.
Jonas machte einen kleinen Schritt nach vorn, fixierte Sternies Blick, innerlich angespannt wie ein Bogen vor dem Abschuss.
"Nimm deine Jungs und verzieh dich." Jonas hob die Stimme keinen Deut. "Letzte Warnung."
Ein irres Lächeln erschien auf Sternies Gesicht, Jonas sah das verräterische Flackern in den Augen seines Gegenübers. Meeresstaub, Torpedoblitz oder irgendeine andere Droge zirkulierte im Blut seines Gegenübers. Der würde sich nicht einschüchtern lassen. Ohne zu Zögern sprang Jonas vor und hieb dem verdutzten Ganger die Knöchel seiner Rechten gegen den Hals, drehte sich ein, schlug ihm das Messer aus der Hand und warf ihn über die Schulter. Mit einem harten Knall landete Sternie auf dem Boden, dann ging die Welt in Schmerzensschreien unter.

Ducken. Messer ausweichen. Benedikt an seiner Seite, der ihm den Rücken freihielt und vergleichsweise geschickt mit einem im Vorbeilaufen abgebrochenem Mopp-Stock die Ganger auf Distanz hielt. Jonas war in seinem Element. Ließ eine Metallkette über seinen Kopf zischen, sprang vorwärts, riss einen Ganger um. Landete mit angewinkeltem Ellbogen mitten auf dessen Brust. Genoss das Krachen der Rippen. Und schnellte wieder hoch. Jonas blickte sich adrenalingetrieben um. Zwei auf dem Boden, einer lehnte an der Wand und hielt sich wimmernd seinen gebrochenen Arm. Zwei standen noch. Zwei Ganger, die wirre, drogeninduzierte Laute ausstießen und ihre Messer so fest umklammerten, dass die Knöchel weiß hervortraten. Jonas täuschte einen Sprung nach rechts vor, einer der Ganger reagierte wie in Zeitlupe und wandte sich dorthin. Wie im Fluss veränderte Jonas seine Bewegung, sprang nach links, riss einen Wischmopp mit und stieß das Ende des Plastikstocks mit voller Wucht in den Bauch des anderen Gangers. Ächzen und der plötzliche Geruch von Magensäure in der stickigen, schlecht umgewälzten Unten-Luft. Drehung, seitlicher Tritt gegen die Kniekehle, der zweite Ganger klappte zusammen. Benedikt sprang ohne einen Laut nach vorn, winkelte im Flug die Beine an und krachte mit den Knien voran mitten in das Gesicht seines Gegenübers. Knochen brachen, blutiges Gurgeln, nach einigen Sekunden hörte der Möchtegern-Harte auf zu zucken. Jonas reichte Benedikt anerkennend die Hand und zog ihn hoch. Hatte er dem Kerlchen gar nicht zugetraut. Aber wenn man genauer hinsah, war es zu erkennen. Unter den blonden Locken lagen helle, wache Augen. Der Körper sah für das ungeschulte Auge schmächtig und dürr aus. Wer wusste, worauf es achten galt, sah eine Feder, zum Sprung bereit, ein durchtrainierter Mann, kein Gramm Fett zuviel. Und die Bewegungen waren bei der Arbeit zwar sparsam gewesen und eben so selten sprach Benedikt. Aber dieses Verhalten war nicht selten für Kämpfer. Für gute Kämpfer. Jonas nickte Benedikt zu und der legte den Kopf bestätigend zur Seite. Keiner sprach ein Wort. Warum auch? Die Situation war bereinigt. Jetzt hatten sie zwar aufgrund des zweckentfremdeten Mopps noch weniger Putzgerät als vorher, aber die langsam und stöhnend wegkriechenden Ganger würden dafür sorgen, dass sie nun wenigstens ungestört arbeiten konnten. Es hatte aber auch an der Leiche des letzten Gangers liegen können, um die sie in den kommenden Stunden sorgsam drumherum putzten.

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18Jan/081

Jonas´ Reise – Teil 7

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Eine Träne kullerte seine Wange herunter und beschämt wischte er mit seinem Ärmel die Feuchtigkeit davon. Er steckte voll und ganz in seiner Rolle.
"So ist es gut, lass alles heraus!". Blondie zeigte volles Verständnis für seine Lage. Er, ein armer Lagerarbeiter mit wenig Hirn und noch weniger im Magen hatte endlich erkannt, dass es mehr gab als Plackerei und den täglichen Kampf ums Algenbrot. Sie waren nicht allein!
"Die Außermeerischen wollen, dass du dich innerlich reinigst. Weine, Versunkener, weine. Um deine vergeudete Vergangenheit. Und vergieß Freudentränen, denn wir werden dich erretten!"
Bei diesen Worten von Blondie trat ein Mann in hellblauer Kutte durch den Perlenvorhang. Anstatt verwundert zu sein, dass sich hier gerade ein Mann schluchzend an die Empfangsdame drückte, nickte er nur verständnisvoll, ging zum Kühlschrank und nahm sich ein Cidration.
"Auch eins?", fragte er, ging zu einem der Sitzsäcke und ließ sich mit einem wohligen Seufzer rein fallen.
"Ist schwierig am Anfang, Alter. Mach dir keinen Kopp, bald wirst du alles viel klarer sehen." Der Mann prostete Jonas aufmunternd zu, der äußerlich zögerlich, innerlich grinsend, zu seinem Bier griff und mit dem Neuling anstieß.
Offensichtlich waren sich selbst Sektierer nicht zu schade für die "ein Freund, ein guter Freund"-Nummer. Die konnten sie haben!
Jonas nahm einen tiefen Schluck, wischte sich verstohlen die Reste seiner Tränen weg und fragte mit unsicherer Stimme: "Wie geht es denn jetzt weiter?"
Fast unmerklich nickte Blondie zum besten Freund der Menschheit im Allgemeinen und von jedem Neuankömmling im Speziellen zu.
"Ganz einfach: Wir erzählen dir die Wahrheit, öffnen dir die Augen für die Welt um dich herum. Und wenn du genug gelernt hast, nehmen wir dich bei unserem nächsten Auftrag für die Außermeerischen mit, damit auch du gerettet wirst."
Na dann war ja alles klar.

Müde wischte sich Jonas mit seinem Ärmel über den Nacken, um den Schweiß wenigstens kurzzeitig zu vertreiben. Der nächste Außermeerische, der seinen Arsch in diesen verfallenen Gang in Lod5 schob, konnte was erleben! Drei Tage lang hatten sich abwechselnde Sektierer ihn zugelabert, mit Psychotricks bombardiert und in seinem Hirn herumgepfuscht. Sie hatten es jedenfalls probiert. Jeder, der nicht wie er mit der Erfahrung diverser Kriege und einer Frontausbildung gesegnet war, hätte schon lange geistig kapituliert und sich sabbernd und jauchzend in die offenen Arme der "Hellen See" geworfen. Aber da mussten sie schon andere Kaliber auffahren! Es war ihm nicht schwer gefallen, Blondie und Co. davon zu überzeugen, dass ihre Scharade gewirkt und er nun ein überzeugter "Aufstrebender der ersten Stufe" war. Die "Helle See" war in mehreren Schichten organisiert, aber als Stufe-1ser ließen sie ihn gerade mal soviel wissen, wie nötig war. Es gab Außermeerische, der Gang unterwasser war eine Farce um die Harten von den Weichfischen zu trennen und über dem Meer tobten keine Eisstürme wie alle vernünftigen Wissenschaftler behaupteten, sondern ein blühendes Paradies. Aber nur wer Prüfung um Prüfung erfolgreich meisterte, durfte irgendwann das grüne Paradies betreten. Alle paar Tage bekam die Gruppe neue Anweisungen von der jeweiligen Stufe über ihnen.
Jonas tunkte den Schrubber wieder in den Metalleimer und wischte weiter. So, wie die letzten drei Stunden. Die aktuelle Prüfung, gemeinsam mit anderen Stufe-1sern einen dreckigen Gang in einer Slumgegend zu säubern, war besonders hirnrissig. Nicht nur, dass Jonas schon drei verschiedene Kiddie-Gangs auf Abstand hatte halten müssen, nein auch die Putzwerkzeuge waren ein schlechter Witz. Wasser und Spüli gegen Jahre des Drecks! Super Aussichten, das Ganze in einer vernünftigen Zeit zu schaffen. Aber vielleicht stand ja heute die Lektion "Auch eine Niederlage kann ein Sieg sein" auf der Tagesordnung. Bekloppt genug war die Sekte auf jeden Fall dafür.
Er musste auf jeden Fall noch mindestens eine Stufe aufsteigen, um zu erfahren, wie die über Stufe-1 organisiert waren. Es gab auf jeden Fall ein Organisationssystem. Und wenn er Emilie wiederfinden wollte, musste er tiefer in die Struktur der Sekte eindringen. "Jede Organisation und sei sie noch zu komplex, lässt sich letztlich zu einer einzigen Person zurückverfolgen, die alle Fäden in der Hand hält." Sein Frontausbilder hatte gewusst, wovon er gesprochen hatte. Für ihn war er der Mann mit den Fäden gewesen.
Bisher kannte er nur die weiteren Mitglieder seiner Stufe-1-Gruppe. Sebastien, ein Ex-Junkie mit Armbeugen wie eine Dartscheibe und grellgrünen Haaren, die wie nach einem Stromstoß in alle Richtungen abstanden. Sandra, ihres Zeichens gefrustete und verlassene Frau in der Midlife-Crisis. Jonas konnte ihren Mann verstehen, allein schon der Anblick der um die Wette sich ausbreitenden Fettpolster hätte ihm gereicht, um zu flüchten, ganz zu schweigen vom ständigen Gekeife aus dem potthässlichen Gesicht. Und zu guter Letzt war da noch Benedikt, der Stille. Sagte nichts, arbeitete hart und hatte immer ein Lächeln auf dem Durchschnittsgesicht für Gott - pardon "die Außermeerischen" - und jeden anderen über. Warum er hier war, war Jonas ein Rätsel. Aber jeder trug seine Fracht allein.
"Na, was ham we denn da? Einen mutigen Putztrupp, so allein hier, in unserem Unten!" kam es da plötzlich von hinten.

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19Dez/070

Jonas´ Reise – Teil 6

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Das Wasser plätscherte an ihm herunter, umspülte die Muskeln, entfernte den Schweiß und Geruch der in Lod allgegenwärtigen Enge. Und doch fühlte er sich dreckig. Sebastians Tod ging ihm immer noch nach. Jonas lehnte sich an die Wand der Duschkabine, stellte das Wasser eine Portion heißer ein und schloss die Augen. Der kleine Raum füllte sich mit Dampf, die heiße Therapie schälte ihm fast die Haut herunter. Jonas schaltete innerlich ab. Verpackte die Bilder von Sebs Tod in kleine Päckchen, schnürte sie gründlich zu und stieß sie in eine gedankliche Kammer. Die Päckchen türmten sich bereits bis zur Decke. Schnell schlug er die Tür zu, vergewisserte sich, dass das Schloss hielt und tauchte langsam aus der kurzen Reise in sein inneres Ich wieder empor. Irgendwann würde sein Sündenzimmer die Erinnerungen nicht mehr zurückhalten können, das Schloss bersten und ihn weinend und schreiend zusammenbrechen lassen. Aber bis dahin hielt ihn diese Art der Bewältigung am Leben. Er konnte nicht in der Vergangenheit leben, musste weiter seinen Weg gehen, der oft aus Schmerz bestand. Seinem oder dem von anderen. Zu oft, um die Erinnerungen wie der Durchschnittslod mit ein paar Cidration und einer Prise Meeresstaub in der Nase wegzubeamen.

Jonas wischte mit dem Ärmel des weißen Shirts über den vollends beschlagenen Spiegel des kleinen Badezimmers seiner Wohnung. Blonder Kurzhaarschnitt, eisblaue Augen, markig-kantiges Gesicht eines durchtrainierten Mannes. Eine feine Narbe, die sich quer über die rechte Wange zog. Eine Erinnerung an eine Zeit, als er das Sündenzimmer noch nicht eingerichtet hatte und die Gedanken an das gestern ihn bei einer unschönen Gelegenheit die Sekunde zu langsam hatten reagieren lassen. Als es drauf ankam. Würde ihm nicht wieder passieren. Oder er würde wenigstens dabei draufgehen.
Jonas schaute an sich herab, betrachtete die einfache Kleidung, die er sich auf dem Markt beim Rückweg eben schnell zusammengekauft hatte. Stabile Schuhe, grobe Latzhose, weißes Langarmshirt. Fehlte nur noch der Firmenaufdruck, dann wäre er direkt als - etwas zu sauberer - Hafenarbeiter durchgegangen. Aber für einen Packer sollte es reichen. Es war Zeit, Theater zu spielen!

"Sei gegrüßt, Versunkener, wie kann ich dir helfen?" Das blonde Dummchen mit dem grenzdebilen Lächeln kam auf Jonas zu, wobei ihre dunkelblaue Robe hin- und her flatterte, nur gehalten von einem groben Strick um die Hüften.
Jonas setzte ein schüchternes Lächeln auf, dass er gekonnt in einem nervösen Augenflattern ersterben ließ. Er zog das Flugblatt der "Hellen See" aus der Brusttasche der Latzhose und gab es der Frau.
"Ihre Kumpels haben gesagt, ich soll mal hierher gehen, um mein Leben zu überdenken. Oder so. Jedenfalls haben sie gesagt, ich bekäme was zu essen!" Der Typ hungriger Arbeiter ging immer.
Das sah die Frau offensichtlich genauso, denn ihr Lächeln verbreiterte sich noch. Sie schob den Perlenvorhang zur Seite, der den kleinen Vorraum der Wohnung in Lod2 vom Hauptraum trennte.
"Klar, komm doch mit. Möchtest du ein Cidration zum Essen?"
Jonas nickte schüchtern, um schnell ein "Bitte eine große Portion" hinterherzuwerfen.
Ein helles Lachen erklang, dann verschwand die Sektiererin hinter einem Raumteiler. Die Sekte "Helle See", zu der Jonas seine Suche nach dem Begriff "Außermeerische" geführt hatte, hatte offensichtlich Geld. Die große Wohnung in Lod2, seinen Recherchen nach "Kirche" der Sekte, war erstaunlich groß, der Hauptraum musste gut neunzig Quadratmeter groß sein. Offensichtlich hatten sie drei Wohnungen nebeneinander gemietet und die Zwischenwände entfernt. Die überall an den Wänden aufgehängten Stoffbahnen in unterschiedlichen Abstufungen der Farbe blau verbargen Details wie weitere Eingänge oder gar Raumteilungen. Nur die Kochnische einer der Wohnungen war zu erahnen, denn dort war die Bekehrerin hinter einem Bambusraumteiler aus dem Uppland verschwunden und der Duft nach Algeneintopf kam nach einem leisen Pling herüber. Aufgewärmte Suppe. Naja, wenigstens gab es ein Algenbierchen nach arbiträischer Brauart dazu. Glücklicherweise war im Moment bis auf die "Empfangsdame" niemand hier, das machte ihm sein Spiel leichter. Der Rest der Bande war wohl ausgeschleust.

Jonas ließ sich auf einen der sechs weißen Sitzsäcke plumpsen, die im Rund um einen kleinen Tisch angeordnet waren und quittierte den ihm dann entgegengestreckten Teller mit einem gierigen Blick. Schnell griff er nach dem Essen und der Flasche Bier und fing laut schlürfend an, den gar nicht so schlechten Eintopf zu vertilgen. Blondie ließ ihn gewähren, voller Magen hörte besser zu.
Als Jonas den Teller geleert hatte und ein halbes Cidration intus hatte, holte sie gut hörbar Luft und fing mit dem Unvermeidbaren an.
"Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass du dein Leben bisher verschwendet hast, Versunkener?"

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11Nov/070

Jonas´ Reise – Teil 5

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Der langsam laufende Fluss trug einen roten Faden aus Blut in seiner Mitte, bis er sich an der letzten Kachel vorm Duschablauf brach. Ex-Scholle hustete und spuckte Blut auf die Kacheln. Jonas fühlte sich leer. Wie immer, wenn er Informationen auf unfreiwillige Art herausholte. Es gehörte zu seinem Beruf als "Problemlöser", dass er derartiges machen musste. Aber gefallen musste es ihm nicht. Jonas seufzte.
Er drückte den Kopf seines Opfers gegen die nasse Kachelwand und schaute ihm eindringlich in das Gesicht. Der Sandhandschuh hatte seine Spuren hinterlassen, aufgesprungene Lippe, lädiertes Auge, das volle Programm.
"Du musst mir nur sagen, wo Emilie ist, dann lass ich dich sofort in Ruhe. Bin weg und eine gute Stunde später sag ich jemandem Bescheid, der dich befreit. Alles shiny, mein Bester. Also rede!"
Sein Gegenüber lachte höhnisch, wobei die gesprungene Lippe das Geräusch unschön verzerrte. Dann spuckte er ihm schlagartig Blut entgegen, was auf Jonas´ Hose landete. "Klar, Mann. Klar."
Es sah nicht so aus, als ob er reden wollte.
Jonas strich sich mit dem nassen Handschuh über den Kopf, um seine Faust dann unvermittelt vorwärts schießen zu lassen. Ein harter Schlag gegen Sebastians Brustkorb und das Opfer lag würgend und röchelnd auf der Seite, stetig durchnässt von der langsam laufenden Dusche. Auf kalt gestellt natürlich.
Das konnte dauern.

Beiläufig schaute Jonas auf die Uhr. Er bearbeitete Sebastian jetzt schon zwanzig Minuten. So langsam ging ihm die Geduld aus. Er ließ den Nacken krachend kreisen und blickte auf das Häufchen Elend hinunter, das an der Kachelwand lehnte. Viele hätten schon geredet. Entweder hatte Seb die Wahrheit gesagt und er wusste wirklich nichts oder das hier war ein harter Fall. Für jemanden, den Jonas auf 17 schätzte, war er auf jeden Fall ein echter Hammerhai.
Jonas zog sein Opfer hart hoch und zwang ihn in einen geraden Sitz an der Wand. Dann zog er betont langsam eine Druckspritze aus dem Mantel und hielt sie ihm unter die Augen.
"Weißt du, was das ist?"
Panik in den Augen seines Gegenübers. Aber kein Wort kam über die Lippen.
"Es wird dich schreien lassen, wie du noch nie in deinem jämmerlichen, non-shiny Leben geschrien hast. Und dann wirst du reden. Mir alles erzählen."
Kunstpause.
"Aber ich will das nicht. Viel zu teuer, so eine Dosis, für einen solchen Walschiss wie dich. Also, rede, oder ich spritz dich bekloppt."
Er hatte alles erwartet, aber kein Lachen. Sebastian schaute ihn an, das Zittern war aus dem Gesicht verschwunden. Beherrscht sah er Jonas an, noch nicht einmal die allgegenwärtige Angst lag mehr in seinem Blick.
Leise, fast verzückt, flüsterte Sebastian: "Ich komme, Außermeerische." Dann biss er hart zu, lächelte. Plötzlich verkrampfte sich sein ganzer Körper, Schaum vor dem Mund. Jonas sprang zurück, als hätte er die Barbara gesehen. Verdammter Mist! Sebastian wand sich noch ein paar Sekunden in knochenbrechenden Krämpfen, dann war es vorbei. Kein Laut kam mehr von dem Fast-Erwachsenen, das leise Plätschern der Dusche war der einzige Laut im Waschraum.

Jonas ging zügig durch die Gänge von Unten. Er konnte seinem Bauchgefühl also immer noch vertrauen. Als Problemlöser war es oft das einzige, worauf man sich verlassen konnte. Man machte die merkwürdigsten Aufträge für die seltsamsten Leute. Aber wer in diesem kleinen Kreis von Menschen seinem innerem Sonar nicht mehr zuhörte, konnte sich genauso gut ausschleusen lassen. Und sein Bauch hatte ihm schon beim Gespräch mit Emilies Vater mitgeteilt, dass das kein alltäglicher Auftrag werden würde. Bei einem Freundschaftsdienst war es das fast nie, aber dass er nun einen Toten auf dem Sündenkonto hatte, würde ihm noch zu schaffen machen. Sobald der Job gelaufen war, denn währenddessen schaltete man als Problemlöser sein Gewissen besser ab. Sonst verhungerte man in dieser Welt. Oder zögerte die eine Sekunde zu lang, um dann mit gebrochenem Genick im Müll zu verschwinden. Dass Seb sich umgebracht hatte, hätte er nicht verhindern können. Wer suchte bei einem so kleinen Fisch schon nach einem mit Gift gefüllten Hohlzahn? Zeug für die Agentenfilme, aber nicht für einen derart kleinen Fall. Aber spätestens jetzt war es eh keiner mehr.

Jonas ließ den Kaffee langsam die Kehle hinunter rinnen und genoss das Gefühl. Ein verdammt teures bei echtem Kaffee, aber das war es ihm wert. Hart arbeiten, hart feiern. Und wenn es nur eine Party der Geschmacksknospen war. Die Menschen strömten um das Café Paix herum, einem edlen Café auf der Lod3-Promenade, ihrem eigenen Rhytmus folgend. 16 Uhr. Ende der zweiten Schicht. Oder Anfang der dritten, je nachdem. Jonas hatte kein Schichtsystem, er war sein eigener Chef. Wenn der bloß nicht so knausrig mit dem Urlaub wäre. Er grinste und nahm einen weiteren Schluck des exzellenten Kaffes. So, zurück an die Arbeit. Er clippte seinen PDA vom Gürtel und loggte sich ins Lod-Citynet ein. Mal sehen, was das in Lod allgegenwärtige Datennetz so über "Außermeerische" zu berichten wusste.

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28Okt/070

Jonas´ Reise – Teil 4

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Er hörte ein Schlurfen und mehrere Stimmen hinter der fadenscheinigen Tür, dann wurde sie zaghaft einen Spalt weit geöffnet. Die Rollen quietschten, als die Tür ein Stück in die Wand hinein geschoben wurde. Der Hausmeisterservice hier unten war sicherlich exquisit. Ein Schwall verbrauchter Luft schlug Jonas entgegen, dann kam ein "Wer´n da?" grummelnd aus dem Dunkel.
"Gutwach", gab er mit fröhlichster Stimme zurück. "Philipp Heimeblau mein Name, Tagelöhner-Anwerber. Ist Sebastian da? Ich hätte einen Job für ihn..."
Hektische Geräusche aus dem Dunkel, ein gehetztes "Komme gleich", dann wurde die Tür abrupt zugezogen. Einen Anwerber wollte man doch nicht warten lassen. Keine dreißig Sekunden später kam ein junger Mann aus der gut fünfzehn Quadratmeter großen Wohnung, die spartanisch mit drei Doppelbetten, einem Schrank und einem Mini-Klo ausgestattet war. Übliche Heimstatt für die billigen Arbeitskräfte hier unten. Waren sie hier sogar schon auf Schichtschläfer-Niveau herabgesunken oder hatte wenigstens jeder "sein" Bett? Müßig.
"Was für Arbeit hamm se denn?"
Jonas richtete seine Aufmerksamkeit auf den Mann, der wie eine halb ausgewachsener Fisch zwischen Jugendlichem und Erwachsensein steckte. Da seine Haare mit Tonnen von Gel als Platte gestylt waren, beschloss Jonas, ihn Scholle zu nennen.
Jonas zauberte sein freundlichstes Lächeln auf sein Gesicht und bemühte sich, in seinem weiten Mantel so geschäftsmäßig wie möglich zu wirken.
"Umzugs- und Renoveriungshilfe. Schleppen, abbauen, aufbauen ... kannst du doch, oder?"
Angst blitzte in Scholles Augen auf. Wer hier lebte, brauchte Geld. Immer. "Klar, klar, bin stark und gut". Und so eloquent, fügte Jonas im Geist hinzu. Scholles Stimme überschlug sich beim Reden. Wie alt war der Kerl im einfachen Blaumann mit dem Teller als Haare? Siebzehn? Und schon Unten? Oder immer noch?
Jonas schlug ein und ging dann lachend den Flur hinunter, woraufhin sich die treue Scholle sofort an seine Fersen heftete. "Perfekt. Du bist perfekt für den Job. Ich bring´ dich gleich hin."

Achttausend ähnlich aussehende Gänge mit verlumpten Bettlern, dem Geruch von Drogenküchen in der schlecht umgewälzten Luft und ganzen Rinnsalen an Kondenswasser an verschmierten Gangwänden später, bogen Jonas und Scholle ein weiteres Mal ab. Und waren am Ziel. Jedenfalls an Jonas´. Er ging zügig zur verbeulten Tür des öffentlichen Duschraums, auf der im Moment ein großer "Geschlossen wegen Sanierung"-Zettel prangte. Eine für gut 300 LEX erkaufte Zahlenkombination später standen sie im gekachelten Umkleidebereich der öffentlichen Sanitäranlage. Zu Stoßzeiten konnten hier gut zweihundert Menschen gleichzeitig duschen, sich rasieren oder was man sonst hier Unten noch unter Hyginie verstand tun. Es waren schlicht zu wenige der Mini-Wohnungen hier mit Duschen gesegnet, daher hatte die Stadt diese Sääle eingerichtet. Schon, um Seuchen vorzubeugen.
Dutzende Plast-Kisten standen an den Wänden gestapelt, die Arbeiten sollten übermorgen beginnen. Ein Blick auf die bisherigen Armaturen und Duscheinrichtungen bestätigte das Bild, eine Sanierung war mehr als überfällig. Außerdem waren bald wieder Wahlen, da machte es sich sowas immer gut. Jonas schüttelte den Kopf, schaltete das Licht ein und ging tiefer in den Raum hinein. Scholle folgte ihm.
"Hier? Ich darf bei der Sanierung mithelfen?" Helle Freude in der Stimme. Machte sich bestimmt gut bei den Prahlereien mit den Kumpels, bei etwas mitzuarbeiten, was in aller Munde war.
"Hab ich doch gesagt, dass es dir gefallen wird. Hab nur Gutes über dich gehört, Sebastian."
Scholle machte einen Schritt zurück und Mißtrauen blitzte in seinem Gesicht auf. "Von wem?"
Mist, etwas zu dick aufgetragen. Jonas´ Gedanken rasten.
"Na, von deinem letzten Chef", sagte er aufs Geratewohl. Offensichtlich falsch, denn Scholle drehte sich um und wollte wegrennen. Jonas seufzte, zog den Taser aus der Jacke und schoss dem jungen Mann in den Rücken. Scholle fiel vornüber auf die dreckigen Kacheln und tanzte den Elektrotanz. Als die Tasernadeln ihre Ladung abgegeben hatten, blieb er röchelnd liegen.

Jonas stellte den Drehknopf auf eiskalt und das Wasser an. Ein Blubbern in den altersschwachen Leitungen, dann kam erst rostig braunes, dann halbwegs klares Wasser aus dem Duschkopf und durchnässte Scholle. Wobei das binnen Sekunden nicht mehr ganz passte, das billige Haargeld gab Fersengeld und aus Scholle wurde Platschkopf. Auf jeden Fall ein wacher. Der Mann prustete, schüttelte sich und schrie. Jonas schlug ihm ins Gesicht, die Sandschicht im Handschuh dämpfte den Schlag. Jedenfalls für ihn, für Sebastian war er dadurch umso kraftvoller. Jonas stellte das Wasser ab und beugte sich zum Gefesselten herunter.
"Schrei ruhig, hier kann dich keiner hören."
Der Angesprochene warf sich mit aller Gewalt in seine Fesseln, aber die Stahl-Handschellen gruben sich dadurch nur umso tiefer in Knöchel und Handgelenke. Das Spiel dauerte gut eine Minute, dann gab Sebastian auf und sah ihn mit zitternder Unterlippe an, schwankte zwischen Hass und Panik.
Dann wollte er diese Energie mal in auskunftsgebende Bahnen lenken.

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14Okt/070

Jonas´ Reise – Teil 3

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Jonas´ Reise - Teil 3

Jonas nickte dem gelangweilten Kellner hinter der Theke zu, der mittlerweile ein Loch in die Bar poliert hatte. Ob ihm die Haare wegen der schrecklich hämmernden Musik in alle Richtungen abstanden? Nicht auszuschließen. Er nahm den Mini-Faltbildschirm aus der Tasche, zog ihn auseinander und ließ Emilie ein paar Runden in ihrem neuen Kleid drehen, dass er ihr vor einem Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte. Als die Welt noch in Ordnung gewesen war. Der Barkeeper schaute auf das Video, zu Jonas und zurück, dann zuckte er mit den Achseln.
"Was ist mit der Kleinen?"
"Sie soll häufiger hier gewesen sein. Mit wem? Und wann das letzte Mal."
Der Barkeeper scannte ihn regelrecht, hinter der Stirn arbeitete es offensichtlich.
Jonas erleichterte die Gedankengänge mit einem 200-LEX-Schein, den Zottel zügig in seiner Hose verschwinden ließ.
"Letzten Samstag mit ein paar anderen Typen in ihrem Alter. Haben ganz harmlos gefeiert, aber je später der Abend, desto heftiger haben sie gesoffen."
Jonas fixierte den Barkeeper. "Mann, lass dir nicht jedes Wort einzeln aus dem Schott ziehen!"
Zottel hob abwehrend die Hände. "Mach hier nicht den Okto-Pete, Alter. Chilly!"
Jonas würde ihm gleich "Chilly" geben!
"Haben sich so richtig zulaufen lassen und ein paar ihrer Freunde sind ziemlich abgetickt. Haben die dann um 02 Uhr vor die Tür gesetzt. Wo die danach hin sind, weiß ich nicht..."
Das Wort "aber" lag regelrecht in der Luft.
Jonas seufzte und legte einen weiteren Zweihunderter auf den Tisch. Gut vier Stundenlöhne in fünf Minuten verdient, guter Deal für Zottel.
Der Schein wanderte schnell zu seinem Verwandten und der Barkeeper lächelte. "Aber ... ich kann dir die Adresse eines ihrer Freunde geben. Hatte hier eine Woche vorher einen Spiegel kaputt gemacht, daher haben wir die Personalien aufgenommen."

Jonas zog den Mantel enger und versicherte sich zum dritten Mal in fünf Minuten, dass sein Taser, eine Pistole mit Strom-Betäubungspfeilen, geladen war. Lod5, das "Unten". Lod war mit der Zeit in die Tiefe gewuchsen, in den Fels hinein. Und die Grundregel für Besucher war einfach: Je tiefer, desto schäbiger. Und er war verdammt tief. In den Ebenen der Kleinkriminellen, Tagelöhner und Drogenküchen. Da hatte sich Emilie ja wahrlich nette Freunde ausgesucht. Jonas´ Schritte hallten dumpf auf dem Stahlgitter des Gangs, ein fauliger Geruch stieg von der Brühe hoch, die darunter umher schwappte. Eine Schlange hatte sich vor einer Ausgabestation der Grünen Alge gebildet. Speisung für die Armen. Mutig von den Grünalgen, hier unten freiwillig zu arbeiten. Mutig und dumm. Wäre nicht das erste Mal, dass eine Armenstation wegen der Vorräte und Medikamentenschränke überfallen wurde. Hier unten ließ sich das Departement fast nie blicken und wenn, dann nur in Garnisonsstärke.
Jonas beschleunigte seine Schritte, bog in eine Seitengasse des unterirdischen Labyrinths ein und sah sich plötzlich einer Gruppe von jugendlichen Schlägern gegenüber, die einen Bettler zu Boden traten. Ein schwerer Stiefel krachte gegen das verdreckte Gesicht des Alten, die zerrissenen Lumpen sogen sich augenblicklich mit dem Blut der dicken Platzwunde voll. Zwei der Jungs schnellten zu ihm herum und taxierten ihn. Jonas ging zügig weiter, hörte hinter sich das Geräusch dumpfer Schläge und das Knacken von Knochen. Traurig, aber Alltag hier unten. Wenn er geholfen hätte, wäre er es, dem jetzt die Knochen gerichtet würden. Hier Unten kam man ohne Unterstützung einer Gang nicht weit, Taser hin oder her.
Zwei Abbiegungen später stand er vor Wohnungstür Nummer 124 und trat dezent gegen das verbeulte Fußblech der Tür. Wer hier auf das Funktionieren von Klingeln vertraute, dem war nicht mehr zu helfen.

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30Sep/070

Jonas´ Reise – Teil 2

Alle bisherigen Teile von "Jonas´ Reise" finden Sie in der Übersicht.

Jonas´ Reise - Teil 2

Jonas nahm einen tiefen Schluck Cidration, ließ das Algenbier die Kehle hinunterrinnen und seufzte laut auf. Nicht, dass es im Lärm der Kneipe jemand gehört hätte. Fast alle Gäste der gutbesuchten Sportbar schauten zur Übertragung der heutigen SpoHa-Partie. Leviathans gegen Algerdykerren, die Arbiträer würden mit den Uppländern den Boden aufwischen, das war jedem Anwesenden klar. Aber es war ein guter Grund, bereits jetzt ein Algenbier zu trinken und Fünfe gerade sein zu lassen. Jonas drehte den Kopf wieder zu Sebastien auf der anderen Seite des Tischs.

"Warum glaube ich bloß nicht, dass das ein freundschaftliches Besäufnis ist, zu dem du mich eingeladen hast?!"
Sebastien zuckte kurz zusammen, seufzte und schaute Jonas aus tiefen, traurigen Augen an.
"Erwischt." Er zögerte, dann: "Es geht um Emilie."
Es musste Monate her sein, dass er die Tochter des Kneipenbesitzers das letzte Mal gesehen hatte. Ein lebenslustiges Mädel mit den wachen Augen ihrer Mutter gesegnet. Energiebündel. Und für ihre 18 Jahre nett anzusehen. Jonas lachte innerlich auf. Ein solcher Gedanke von jemandem, der die 40 bereits Jahre hinter sich gelassen hatte.
Jonas nickte, bedeutete fortzufahren.
"Sie ist verschwunden. Seit zwei Wochen. Keiner hat sie gesehen, ich habe überall herumgefragt." Tränen schimmerten in den Augen des Mannes. Jonas nickte. Er hatte Sebastien noch nie so gesehen. Der Hai von einem Mann hatte kampflustige Stawaner mit bloßen Händen aus seiner Bar geschmissen und mit gebrochenen Rippen noch zwei Arbiträer fertig gemacht. Aber Emilie bedeutete Sebastien alles, seitdem seine Frau bei einem Piratenüberfall vor zwei Jahren getötet worden war. Harte Zeiten. Er nahm einen weiteren Schluck des grünlichen Bieres.
"Erzähl mir alles, was du weißt". Er würde helfen. Ehrensache für jemanden, der "Problemlöser" in seiner Visitendatei stehen hatte.

In Gedanken versunken bahnte sich Jonas seinen Weg durch den Sündenpfuhl - Lod3, die mittlere Kuppel der Hauptstadt. Nullebene, Hauptstraße, brechend voll, zu jeder Uhrzeit. Jonas ließ sich mit dem Strom treiben, vorbei an aufmerksamkeitsheischenden Theatern, Strip-Bars und Drömhusens. Ob wohl der neue Film von Funda Fiel dort schon lief? Er würde nachsehen. Später.
Sebastien hatte ihm kaum etwas sagen können. Seine Tochter hatte sich in den vergangenen Monaten regelrecht von ihm abgenabelt, ließ ihn nicht mehr an ihrem Leben teilhaben. Kein allzu abnormaler Vorgang bei einer jungen Frau. Auch nicht, dass sie sich für längere Zeit nicht mehr hatte blicken lassen. Aber dass sie ihr Konto bis zum letzten Lex geplündert hatte und die Abschiedsuhr der Marine ihres Vaters ebenfalls weg war, stimmte dann schon bedenklich. Es sah der ehrlichen, vielleicht etwas naiven Emilie nicht ähnlich. Und er hatte dieses Kribbeln in der Nase. Es würde schuppig werden.

Um 100 LEX ärmer betrat Jonas Lod Brei. Die Disco hatte ihren lächerlichen Namen vormerklich der dauerlallenden Gästeschar zu verdanken, es war No-Brain-Unterhaltung, wie die Scientianer sagen würden. Was wohl heute auf dem Programm stand? Die Wahl zur Miss Oberweite oder doch zum Mister Knackarsch? Die Massen waren berechenbar. Wer einfache Unterhaltung im von Beats untermalten Ambiente suchte, kam ins Lod Brei. Der Laden war schlecht besucht, kein Wunder, es war gerade erst Mitte der zweiten Schicht. Vor Schichtende war es in den Discotheken selten voll. Das Drei-Schicht-System, das den Tagesablauf in Lod bestimmte, sorgte dafür, dass stetig jemand ins Bett ging während ein anderer sich auf den Weg zur Arbeit machte und ein Dritter seine Freizeit genoß. Lod schlief nie.

Er hatte sich etwas umgehört. Emilie hatte wenige Freunde, war etwas eigenbrötlerisch, womit sie nach ihrem Vater kam. Aber in ihrer Berufsschulklasse erzählte man sich, dass sie sich im Lod Brei ab und an etwas dazuverdiente. Natürlich ohne dass es Daddy wusste. Nicht gerade die Arbeitsstelle, die man gerne herumerzählte. Beim Servieren an den Arsch gepackt zu werden, war hier noch die harmloseste Anmache.

Jonas wich einem Besoffenen aus, der ihm im engen Eingangsbereich der Disco entgegentaumelte und stemmte sich gegen die akkustische Wand, die ihm entgegenhämmerte. Wummernde Bässe ließen seine Zähne vibrieren, als er die letzte Zwischentür passierte und direkt in der Haupthalle der Disco herausgespült wurde. Eine große Tanzfläche in der Mitte, drumherum Sitzecken und eine Bar samt kleiner Bühne. So weit, so einfallslos. Zu dieser Uhrzeit war auf der Tanzfläche kaum etwas los, was den DJ nicht störte, er jagte die Lautstärke stetig auf neue Höhen. Die meisten Gäste lümmelten in den Sitzecken oder saßen an der Bar. Wenn sie nicht gerade davor lagen. Jonas atmete tief durch, was er sofort bereute. Die Luftumwälzer der Disco waren wohl im Urlaub, grauenhaft. Dabei waren sie gerade mal vierhundert Meter unter dem Meeresspiegel, das bekamen sie ja sogar in Stawa besser hin. Er schüttelte den Kopf und ging außen an der Tanzfläche umher zur Bar. Irgendwer würde sich hier wohl an die hübsche Emilie erinnern. Dafür würde er sorgen.

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23Sep/070

Jonas´ Reise – Start und Teil 1

"Jonas´ Reise" ist eine in unregelmäßigen Abständen fortgeführte Geschichte in der Welt von LodlanD (siehe Veröffentlichungen und LodlanD-Homepage). Ich möchte mit "Jonas´ Reise" etwas experimentieren: Die Geschichte entsteht "on the fly", also ohne vorheriges Durchplotten, ich möchte die Geschichte einfach sich selbst tragen und treiben lassen. Feste Veröffentlichungstermine wird es nicht geben, Ziel ist einmal die Woche, aber ich lege mich da auf nichts fest. Auch über die Länge mache ich mir erstmal keine Gedanken - irgendwo zwischen längerer Kurzgeschichte und kurzem Roman. 8-) Und nun viel Spaß mit Teil 1 von "Jonas´ Reise". Die Kommentarfunktion ist auch in diesen Beiträgen aktiv, Feedback ist natürlich stets willkommen. Da es sonst nach einiger Zeit unübersichtlich wird, werden alle Teile von "Jonas´ Reise" auf einer eigenen Unterseite verlinkt, so dass man sich nicht durch alle Blog-Beiträge suchen muss.

Jonas´ Reise - Teil 1

Jonas genoss den Augenblick. Die Hände flach am Körper stand er einfach still inmitten des Menschenstroms und nahm wahr. Den Geruch nach Salzwasser und Maschinenöl. Das Kreischen der Deckenkräne. Es wurde nur noch übertönt vom vielstimmigen Gewirr der Zehntausenden, die sich gerade im Innenhafen von Lod aus ihren Schiffen quetschten, um der Hauptstadt der zivilisierten Welt einen Besuch abzustatten. Oder wie er nach Hause zu kommen. Der stählerne Boden unter seinen Füßen vibrierte im Takt tausender Stiefel. Oder war es der Herzschlag dieser Metropole, die Hunderttausenden Heimstatt war?

Jonas reihte sich in den Menschenstrom ein, ließ sich treiben. Gepäck am Fließband abholen. Quengelige Kinder, die, endlich aus der Enge des Lod-Waters-Orcas befreit, ihren Bewegungsdrang stillen wollten. Die Orcas waren das Massentransportmittel schlechthin: Menschen wohin man blickte, auf engstem Raum beieinander, wurden in diesen gigantischen U-Booten durch die Weltmeere geschippert. Immer die Haupthandelsrouten entlang, die sternförmig ihren Ursprung alle in Lod hatten. Und ihr Ziel.

Er trat auf die Promenade, unter ihm breitete sich das Schauspiel von Schacherstadt aus. Marktstände wohin man blickte, fein gekleidete Geschäftsmänner neben Fischfrauen und Strömen an Touristen. Farbenfrohe Uppländer. Grimmig daherstapfende Stawaner. Streitlustige Arbiträer. Sie alle waren gekommen, Lod zu sehen. Er hingegen kam einfach nach Hause. Mit der geübten Bewegung eines Lodt sprang er in den PTIV - einen Endlosaufzug - und ließ sich auf eine höhere Ebene tragen. Nur wer zuviel Zeit hatte, drängelte sich durch die Marktebene. Einheimische kürzten über die höhergelegenen Ebenen ab, um an ihr Ziel zu kommen.

Die Stadt hatte ihn wieder. Die PTIS-Bahn ratterte in ihrer Schiene, die Gäste schaukelten im altbekannten Takt, der den Lodt in Fleisch und Blut übergegangen war. Jonas seufzte und strich sich über das Gesicht. Er freute sich auf sein eigenes Bett. Das Leben als umherziehender Mann für alle Fälle war ja ganz nett. Aber es ging nichts über die eigene Matratze, von fleißigen Uppländern per Hand hergestellt, fast unbezahlbar. Aber der Mensch verbrachte ein Drittel seines Lebens im Schlaf, da war etwas Dekadenz ruhig angebracht. Ein kleines Mädchen mit hellblonden Haaren schaute ihn vom gegenüberliegenden Sitz schüchtern an, ihre Hände umklammerten einen lila Oktopus. Er hatte schon mehrere Kinder im Orca damit spielen sehen. War wohl gerade in. Er lächelte die Kleine freundlich an, was ihre Mutter dazu veranlasste, schleunigst ihren Arm um sie zu legen. Sein Charme ließ wohl nach. Oder er sah so übermüdet aus wie er sich fühlte.

Das Adrenalin der Wiederankunft flaute langsam ab und Jonas schlurfte über den Gang von Lod2. Der Spitzname "Schlummerkugel" kam nicht von ungefähr. Der Durchschnittslod wohnte in Lod2, einer der Hauptkuppeln von Lod. Wenn er es sich halbwegs leisten konnte. Wenn nicht, dann war seine Wohnung eben unterirdisch, im nicht enden wollenden Ganggewirr von Lod5, wo es schlechter wurde, je tiefer man hinabstieg. Die Bevölkerung von Lod war in den letzten Jahrzehnten stetig angewachsen, zusätzlicher Wohnraum war nur durch massive Erweiterung der Stadt möglich gewesen. Und da der Bau einer Kuppel ein Investment im Milliarden-LEX-Bereich war, grub man lieber in die Tiefe und Breite im unterirdischen Bereich. Außerdem hätte es nur das althergebrachte Design von Lod zerstört, wenn man neben die bisherigen Kuppeln eine weitere auf den Boden des Meeres geflanscht hätte.

Jonas zog seinen Koffer immer weiter über den beigefarbenen Flur, stets gleich aussehende Türen zogen an ihm vorbei. #313. Er war zuhause. Das Sensorsystem hatte ihn bereits erkannt und öffnete mit einem Zischlaut die Türen, ließ sie seitlich in der Wand verschwinden. Gähnend zog er seinen Koffer in die Wohnung, ließ den Mantel auf das Uppland-Imitat-Sofa fallen und verschwand im drei Schritte entfernten Bad. Es war immer schön, nach Hause zu kommen. Außerdem war es nach der Enge im Orca schön, endlich mal wieder Platz zu haben. Fünfzehn Quadratmeter ganz für sich allein. Bescheidender Wohlstand, Gutbürgertum.

Der Küchenvollautomat piepste und Jonas unterbrach seine Tätigkeit des Kofferausräumens. Drei Häufchen Wäsche auf dem hellblauen Bettbezug zeugten von seiner Arbeit der letzten Minuten. Dringend zu waschen, halbwegs tragbar, fast frisch. Der erste Haufen war zu groß. Er seufzte und notierte sich geistig, morgen einen Waschtag einzulegen. Er entnahm einen Pott dampfenden Algenkaffees aus der Klappe des Automaten und rief über den integrierten Bildschirm seine Mails ab. Einhundertfünfzig Nachrichten. Ohne die im Spam-Ordner. Er war zu lange weg gewesen. Jonas nahm einen tiefen Schluck Kaffee, ließ das warme Gebräu wohlig warm die Kehle hinunterrinnen und machte sich seufzend daran, die Nachrichtenflut zu ordnen. Es war doch immer wieder schön, nach Hause zu kommen.

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Der junge, deutsche Autor und Redakteur Jan-Tobias Kitzel berichtet von der Schreibfront. Infos zu seinen Veröffentlichungen und laufenden Projekten sind hier ebenfalls zu finden.

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