JTKitzel.de Blog und Homepage des Autors und Redakteurs Jan-Tobias Kitzel

18Feb/080

Jonas´ Reise – Teil 8

Alle bisherigen Teile von “Jonas´ Reise” finden Sie in der Übersicht.

Jonas seufzte, stellte den Mopp zurück in den Putzeimer und drehte sich betont langsam um. Und erstarrte. Er hatte mit den üblichen drei, vier Jugendlichen gerechnet, die sich einen Spaß mit den Sektenspinnern machen wollten. Aber nicht mit sechs Gangern in harter Kluft, bewaffnet mit Messern und irrem Flackern in den Augen. Ein gut 18 Jahre alter Lodt mit einem Sternentätoo auf der Glatze und schwarzen Kunstlederklamotten war offenbar der Anführer, jedenfalls stand er gut zwei Schritte vor dem Rest der Truppe. Messer blitzen im Licht der hellen Kunstlampen im Unten, der einfachsten Wohngegend von Lod - und je tiefer man kam, desto mehr wurde es zum Slum. Alles Kerle, alle in schwarzen Klamotten und mindestens einen Schlagstock, meist aber Messer in der Hand. Sechs gegen vier und das mit deutlichen Ausrüstungsnachteilen. Konnte spaßig werden! Jonas drehte betont langsam die Handflächen nach außen und ging einen - kleinen - Schritt auf den Trupp zu. Das Geräusch seiner Stiefel auf den Metallplatten des Ganges hallte laut nach. Kein anderer Laut war zu hören, der eben noch halbwegs bevölkerte Gang lag wie ausgestorben da. Augen schielten aus Türöffnungen, Ohren waren an die fadenscheinigen Wohnungswände gepresst. Besser als TV! Aber helfen würde keiner.
"Was wollt ihr?", fragte Jonas hart und unnachgiebig. Keine Schwäche zeigen!
Sternie lachte blökend auf und drehte sich zu seinen Kumpels um.
"Was wir wollen, fragt die halbe Portion?! Ich schmeiß mich weg!" Mit einer fließenden Bewegung wandte er sich wieder zu Jonas um, ließ das Messer von der einen in die andere Hand fliegen.
"Du kannst dem Meer auf Knien danken, wenn wir euch nur ein bisschen vertrimmen wollen, Alterchen!"
Wieder sprang das Messer zwischen den Händen hin und her.
Jonas machte einen kleinen Schritt nach vorn, fixierte Sternies Blick, innerlich angespannt wie ein Bogen vor dem Abschuss.
"Nimm deine Jungs und verzieh dich." Jonas hob die Stimme keinen Deut. "Letzte Warnung."
Ein irres Lächeln erschien auf Sternies Gesicht, Jonas sah das verräterische Flackern in den Augen seines Gegenübers. Meeresstaub, Torpedoblitz oder irgendeine andere Droge zirkulierte im Blut seines Gegenübers. Der würde sich nicht einschüchtern lassen. Ohne zu Zögern sprang Jonas vor und hieb dem verdutzten Ganger die Knöchel seiner Rechten gegen den Hals, drehte sich ein, schlug ihm das Messer aus der Hand und warf ihn über die Schulter. Mit einem harten Knall landete Sternie auf dem Boden, dann ging die Welt in Schmerzensschreien unter.

Ducken. Messer ausweichen. Benedikt an seiner Seite, der ihm den Rücken freihielt und vergleichsweise geschickt mit einem im Vorbeilaufen abgebrochenem Mopp-Stock die Ganger auf Distanz hielt. Jonas war in seinem Element. Ließ eine Metallkette über seinen Kopf zischen, sprang vorwärts, riss einen Ganger um. Landete mit angewinkeltem Ellbogen mitten auf dessen Brust. Genoss das Krachen der Rippen. Und schnellte wieder hoch. Jonas blickte sich adrenalingetrieben um. Zwei auf dem Boden, einer lehnte an der Wand und hielt sich wimmernd seinen gebrochenen Arm. Zwei standen noch. Zwei Ganger, die wirre, drogeninduzierte Laute ausstießen und ihre Messer so fest umklammerten, dass die Knöchel weiß hervortraten. Jonas täuschte einen Sprung nach rechts vor, einer der Ganger reagierte wie in Zeitlupe und wandte sich dorthin. Wie im Fluss veränderte Jonas seine Bewegung, sprang nach links, riss einen Wischmopp mit und stieß das Ende des Plastikstocks mit voller Wucht in den Bauch des anderen Gangers. Ächzen und der plötzliche Geruch von Magensäure in der stickigen, schlecht umgewälzten Unten-Luft. Drehung, seitlicher Tritt gegen die Kniekehle, der zweite Ganger klappte zusammen. Benedikt sprang ohne einen Laut nach vorn, winkelte im Flug die Beine an und krachte mit den Knien voran mitten in das Gesicht seines Gegenübers. Knochen brachen, blutiges Gurgeln, nach einigen Sekunden hörte der Möchtegern-Harte auf zu zucken. Jonas reichte Benedikt anerkennend die Hand und zog ihn hoch. Hatte er dem Kerlchen gar nicht zugetraut. Aber wenn man genauer hinsah, war es zu erkennen. Unter den blonden Locken lagen helle, wache Augen. Der Körper sah für das ungeschulte Auge schmächtig und dürr aus. Wer wusste, worauf es achten galt, sah eine Feder, zum Sprung bereit, ein durchtrainierter Mann, kein Gramm Fett zuviel. Und die Bewegungen waren bei der Arbeit zwar sparsam gewesen und eben so selten sprach Benedikt. Aber dieses Verhalten war nicht selten für Kämpfer. Für gute Kämpfer. Jonas nickte Benedikt zu und der legte den Kopf bestätigend zur Seite. Keiner sprach ein Wort. Warum auch? Die Situation war bereinigt. Jetzt hatten sie zwar aufgrund des zweckentfremdeten Mopps noch weniger Putzgerät als vorher, aber die langsam und stöhnend wegkriechenden Ganger würden dafür sorgen, dass sie nun wenigstens ungestört arbeiten konnten. Es hatte aber auch an der Leiche des letzten Gangers liegen können, um die sie in den kommenden Stunden sorgsam drumherum putzten.

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18Jan/081

Jonas´ Reise – Teil 7

Alle bisherigen Teile von “Jonas´ Reise” finden Sie in der Übersicht.

Eine Träne kullerte seine Wange herunter und beschämt wischte er mit seinem Ärmel die Feuchtigkeit davon. Er steckte voll und ganz in seiner Rolle.
"So ist es gut, lass alles heraus!". Blondie zeigte volles Verständnis für seine Lage. Er, ein armer Lagerarbeiter mit wenig Hirn und noch weniger im Magen hatte endlich erkannt, dass es mehr gab als Plackerei und den täglichen Kampf ums Algenbrot. Sie waren nicht allein!
"Die Außermeerischen wollen, dass du dich innerlich reinigst. Weine, Versunkener, weine. Um deine vergeudete Vergangenheit. Und vergieß Freudentränen, denn wir werden dich erretten!"
Bei diesen Worten von Blondie trat ein Mann in hellblauer Kutte durch den Perlenvorhang. Anstatt verwundert zu sein, dass sich hier gerade ein Mann schluchzend an die Empfangsdame drückte, nickte er nur verständnisvoll, ging zum Kühlschrank und nahm sich ein Cidration.
"Auch eins?", fragte er, ging zu einem der Sitzsäcke und ließ sich mit einem wohligen Seufzer rein fallen.
"Ist schwierig am Anfang, Alter. Mach dir keinen Kopp, bald wirst du alles viel klarer sehen." Der Mann prostete Jonas aufmunternd zu, der äußerlich zögerlich, innerlich grinsend, zu seinem Bier griff und mit dem Neuling anstieß.
Offensichtlich waren sich selbst Sektierer nicht zu schade für die "ein Freund, ein guter Freund"-Nummer. Die konnten sie haben!
Jonas nahm einen tiefen Schluck, wischte sich verstohlen die Reste seiner Tränen weg und fragte mit unsicherer Stimme: "Wie geht es denn jetzt weiter?"
Fast unmerklich nickte Blondie zum besten Freund der Menschheit im Allgemeinen und von jedem Neuankömmling im Speziellen zu.
"Ganz einfach: Wir erzählen dir die Wahrheit, öffnen dir die Augen für die Welt um dich herum. Und wenn du genug gelernt hast, nehmen wir dich bei unserem nächsten Auftrag für die Außermeerischen mit, damit auch du gerettet wirst."
Na dann war ja alles klar.

Müde wischte sich Jonas mit seinem Ärmel über den Nacken, um den Schweiß wenigstens kurzzeitig zu vertreiben. Der nächste Außermeerische, der seinen Arsch in diesen verfallenen Gang in Lod5 schob, konnte was erleben! Drei Tage lang hatten sich abwechselnde Sektierer ihn zugelabert, mit Psychotricks bombardiert und in seinem Hirn herumgepfuscht. Sie hatten es jedenfalls probiert. Jeder, der nicht wie er mit der Erfahrung diverser Kriege und einer Frontausbildung gesegnet war, hätte schon lange geistig kapituliert und sich sabbernd und jauchzend in die offenen Arme der "Hellen See" geworfen. Aber da mussten sie schon andere Kaliber auffahren! Es war ihm nicht schwer gefallen, Blondie und Co. davon zu überzeugen, dass ihre Scharade gewirkt und er nun ein überzeugter "Aufstrebender der ersten Stufe" war. Die "Helle See" war in mehreren Schichten organisiert, aber als Stufe-1ser ließen sie ihn gerade mal soviel wissen, wie nötig war. Es gab Außermeerische, der Gang unterwasser war eine Farce um die Harten von den Weichfischen zu trennen und über dem Meer tobten keine Eisstürme wie alle vernünftigen Wissenschaftler behaupteten, sondern ein blühendes Paradies. Aber nur wer Prüfung um Prüfung erfolgreich meisterte, durfte irgendwann das grüne Paradies betreten. Alle paar Tage bekam die Gruppe neue Anweisungen von der jeweiligen Stufe über ihnen.
Jonas tunkte den Schrubber wieder in den Metalleimer und wischte weiter. So, wie die letzten drei Stunden. Die aktuelle Prüfung, gemeinsam mit anderen Stufe-1sern einen dreckigen Gang in einer Slumgegend zu säubern, war besonders hirnrissig. Nicht nur, dass Jonas schon drei verschiedene Kiddie-Gangs auf Abstand hatte halten müssen, nein auch die Putzwerkzeuge waren ein schlechter Witz. Wasser und Spüli gegen Jahre des Drecks! Super Aussichten, das Ganze in einer vernünftigen Zeit zu schaffen. Aber vielleicht stand ja heute die Lektion "Auch eine Niederlage kann ein Sieg sein" auf der Tagesordnung. Bekloppt genug war die Sekte auf jeden Fall dafür.
Er musste auf jeden Fall noch mindestens eine Stufe aufsteigen, um zu erfahren, wie die über Stufe-1 organisiert waren. Es gab auf jeden Fall ein Organisationssystem. Und wenn er Emilie wiederfinden wollte, musste er tiefer in die Struktur der Sekte eindringen. "Jede Organisation und sei sie noch zu komplex, lässt sich letztlich zu einer einzigen Person zurückverfolgen, die alle Fäden in der Hand hält." Sein Frontausbilder hatte gewusst, wovon er gesprochen hatte. Für ihn war er der Mann mit den Fäden gewesen.
Bisher kannte er nur die weiteren Mitglieder seiner Stufe-1-Gruppe. Sebastien, ein Ex-Junkie mit Armbeugen wie eine Dartscheibe und grellgrünen Haaren, die wie nach einem Stromstoß in alle Richtungen abstanden. Sandra, ihres Zeichens gefrustete und verlassene Frau in der Midlife-Crisis. Jonas konnte ihren Mann verstehen, allein schon der Anblick der um die Wette sich ausbreitenden Fettpolster hätte ihm gereicht, um zu flüchten, ganz zu schweigen vom ständigen Gekeife aus dem potthässlichen Gesicht. Und zu guter Letzt war da noch Benedikt, der Stille. Sagte nichts, arbeitete hart und hatte immer ein Lächeln auf dem Durchschnittsgesicht für Gott - pardon "die Außermeerischen" - und jeden anderen über. Warum er hier war, war Jonas ein Rätsel. Aber jeder trug seine Fracht allein.
"Na, was ham we denn da? Einen mutigen Putztrupp, so allein hier, in unserem Unten!" kam es da plötzlich von hinten.

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29Dez/070

Edel geht die Welt zugrunde

So, ein guter Teil des Weihnachtsgeldes ist auf den Kopf gehauen: Ein Samsung SyncMaster 226BW ziert jetzt meinen Schreibtisch. "226BW", was erzählt der da? Im Klartext: Ein TFT-Monitor, 22 Zoll, Widescreen, 16:10-Format, 2 ms GTG-Reaktionszeit (Herstellerangaben siehe hier). Jetzt kann mein Uraltschätzchen von 19-Zoll-Röhrenmonitor bald den Computertisch meiner Mum vollstellen, hier ist das Multimedia-Zeitalter endgültig angebrochen. Zwei volle Din-A4-Blätter in Echtgröße nebeneinander, da kommt beim Lektorat und Schreiben Freude auf. Von Spielen à la COD4 und PES2008 ganz zu schweigen. 8-)

An der Schreibfront gibt es derzeit das Übliche zu vermelden: Arbeiten am Index vom nächsten LodlanD-Buch erstmal abgeschlossen bis zum nächsten Durchgang des Layouters, ein bisschen am Quest-Abenteuer herumgedacht und eine nette Idee für die nächste Folge von "Jonas´ Reise" geistig hin und her geschoben.

Außerdem auf Fantasyguide.de eine erste (ACHTUNG: Enthält SPOILER) Rezension zu "Flammenmeer" gefunden, die durchaus wohlwollend war. Das freut. *g*

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19Dez/070

Jonas´ Reise – Teil 6

Alle bisherigen Teile von “Jonas´ Reise” finden Sie in der Übersicht.

Das Wasser plätscherte an ihm herunter, umspülte die Muskeln, entfernte den Schweiß und Geruch der in Lod allgegenwärtigen Enge. Und doch fühlte er sich dreckig. Sebastians Tod ging ihm immer noch nach. Jonas lehnte sich an die Wand der Duschkabine, stellte das Wasser eine Portion heißer ein und schloss die Augen. Der kleine Raum füllte sich mit Dampf, die heiße Therapie schälte ihm fast die Haut herunter. Jonas schaltete innerlich ab. Verpackte die Bilder von Sebs Tod in kleine Päckchen, schnürte sie gründlich zu und stieß sie in eine gedankliche Kammer. Die Päckchen türmten sich bereits bis zur Decke. Schnell schlug er die Tür zu, vergewisserte sich, dass das Schloss hielt und tauchte langsam aus der kurzen Reise in sein inneres Ich wieder empor. Irgendwann würde sein Sündenzimmer die Erinnerungen nicht mehr zurückhalten können, das Schloss bersten und ihn weinend und schreiend zusammenbrechen lassen. Aber bis dahin hielt ihn diese Art der Bewältigung am Leben. Er konnte nicht in der Vergangenheit leben, musste weiter seinen Weg gehen, der oft aus Schmerz bestand. Seinem oder dem von anderen. Zu oft, um die Erinnerungen wie der Durchschnittslod mit ein paar Cidration und einer Prise Meeresstaub in der Nase wegzubeamen.

Jonas wischte mit dem Ärmel des weißen Shirts über den vollends beschlagenen Spiegel des kleinen Badezimmers seiner Wohnung. Blonder Kurzhaarschnitt, eisblaue Augen, markig-kantiges Gesicht eines durchtrainierten Mannes. Eine feine Narbe, die sich quer über die rechte Wange zog. Eine Erinnerung an eine Zeit, als er das Sündenzimmer noch nicht eingerichtet hatte und die Gedanken an das gestern ihn bei einer unschönen Gelegenheit die Sekunde zu langsam hatten reagieren lassen. Als es drauf ankam. Würde ihm nicht wieder passieren. Oder er würde wenigstens dabei draufgehen.
Jonas schaute an sich herab, betrachtete die einfache Kleidung, die er sich auf dem Markt beim Rückweg eben schnell zusammengekauft hatte. Stabile Schuhe, grobe Latzhose, weißes Langarmshirt. Fehlte nur noch der Firmenaufdruck, dann wäre er direkt als - etwas zu sauberer - Hafenarbeiter durchgegangen. Aber für einen Packer sollte es reichen. Es war Zeit, Theater zu spielen!

"Sei gegrüßt, Versunkener, wie kann ich dir helfen?" Das blonde Dummchen mit dem grenzdebilen Lächeln kam auf Jonas zu, wobei ihre dunkelblaue Robe hin- und her flatterte, nur gehalten von einem groben Strick um die Hüften.
Jonas setzte ein schüchternes Lächeln auf, dass er gekonnt in einem nervösen Augenflattern ersterben ließ. Er zog das Flugblatt der "Hellen See" aus der Brusttasche der Latzhose und gab es der Frau.
"Ihre Kumpels haben gesagt, ich soll mal hierher gehen, um mein Leben zu überdenken. Oder so. Jedenfalls haben sie gesagt, ich bekäme was zu essen!" Der Typ hungriger Arbeiter ging immer.
Das sah die Frau offensichtlich genauso, denn ihr Lächeln verbreiterte sich noch. Sie schob den Perlenvorhang zur Seite, der den kleinen Vorraum der Wohnung in Lod2 vom Hauptraum trennte.
"Klar, komm doch mit. Möchtest du ein Cidration zum Essen?"
Jonas nickte schüchtern, um schnell ein "Bitte eine große Portion" hinterherzuwerfen.
Ein helles Lachen erklang, dann verschwand die Sektiererin hinter einem Raumteiler. Die Sekte "Helle See", zu der Jonas seine Suche nach dem Begriff "Außermeerische" geführt hatte, hatte offensichtlich Geld. Die große Wohnung in Lod2, seinen Recherchen nach "Kirche" der Sekte, war erstaunlich groß, der Hauptraum musste gut neunzig Quadratmeter groß sein. Offensichtlich hatten sie drei Wohnungen nebeneinander gemietet und die Zwischenwände entfernt. Die überall an den Wänden aufgehängten Stoffbahnen in unterschiedlichen Abstufungen der Farbe blau verbargen Details wie weitere Eingänge oder gar Raumteilungen. Nur die Kochnische einer der Wohnungen war zu erahnen, denn dort war die Bekehrerin hinter einem Bambusraumteiler aus dem Uppland verschwunden und der Duft nach Algeneintopf kam nach einem leisen Pling herüber. Aufgewärmte Suppe. Naja, wenigstens gab es ein Algenbierchen nach arbiträischer Brauart dazu. Glücklicherweise war im Moment bis auf die "Empfangsdame" niemand hier, das machte ihm sein Spiel leichter. Der Rest der Bande war wohl ausgeschleust.

Jonas ließ sich auf einen der sechs weißen Sitzsäcke plumpsen, die im Rund um einen kleinen Tisch angeordnet waren und quittierte den ihm dann entgegengestreckten Teller mit einem gierigen Blick. Schnell griff er nach dem Essen und der Flasche Bier und fing laut schlürfend an, den gar nicht so schlechten Eintopf zu vertilgen. Blondie ließ ihn gewähren, voller Magen hörte besser zu.
Als Jonas den Teller geleert hatte und ein halbes Cidration intus hatte, holte sie gut hörbar Luft und fing mit dem Unvermeidbaren an.
"Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass du dein Leben bisher verschwendet hast, Versunkener?"

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11Dez/070

Und der Urlaub ist vorbei

So eine Woche Urlaub kann verdammt schnell vorbei sein, so jedenfalls kam mir die letzte Woche vor. *g*

Nachdem meine Frau und ich uns kurz zuvor eine neue XBOX 360 mit allerlei Spielen gegönnt hatten, hatte ich endlich Zeit, die Konsole zum Glühen zu bringen. Insbesondere "Top Spin 2" (Tennis), PGR3 (Autorennen) und Lego Star Wars (Jump&Run/Action) haben es uns gemeinsam angetan. Sehr lustig!

Aber auch anderweitig war die Woche nützlich: Ein LodlanD-Abenteuer für den Scientia/Kobe-Uppland-Band geplottet, geschrieben und poliert. Und eines für Quest geplottet. Quest? Stimmt, ich wollte ja noch was erzählen: "Quest - Zeit der Helden" ist eine neue Art von Rollenspiel, die erste Box erscheint (wahrscheinlich) im ersten Quartal 2008. Warum neu? Weil es ein absolutes Einsteigerrollenspiel ist. Keine fünfzig Seiten Regeln, keine zig Abkürzungen. Ein paar Werte pro Charakter, eine spannende Geschichte, Chips und viel Spaß, das soll es schon sein. Es wird gespielt wie die früheren Solo-Abenteuer, die mancher Leser vielleicht noch kennt: "Wenn du zum Strand gehen willst lese weiter auf Seite 8, wenn du hingegen im Wald nach den merkwürdigen Geräuschen sehen willst, lese weiter auf Seite 30." Und dieses Prinzip wird jetzt auf Rollenspiel angewendet. Lasst euch sagen: Dafür ein Abenteuer zu plotten - und wahrscheinlich auch später dann zu schreiben - ist eine ganz andere, erstmal ungewohnte Arbeit als beispielsweise für LodlanD oder Shadowrun. Es ist deutlich mehr zu bedenken, insbesondere, weil erstmal auch nur Gebäudeteile/Gegner/Orte aus der ersten Box verwendet werden dürfen. "Eine Horde Räuber greift euch an ... Mist, in der ersten Box sind nur Orks ... Also gut, eine Horde Orks kommt durch den Wald auf euch zu". 8-)

Mehr zu Quest findet ihr beim Herausgeber, dem Pegasus Spieleverlag: Quest-Homepage.

Das war auf jeden Fall meine Urlaubswoche und als ich am Montag auf der Arbeit meine Rücklage gesehen hab, dachte ich, es wären vier Wochen gewesen. *g*

29Nov/071

Ein verdammt geiles Gefühl

... den ersten eigenen Roman in Händen zu halten.

Meine F-Shop-Bestellung mit den zwei Exemplaren von Flammenmeer ist eingetroffen. Hatte extra dort welche bestellt, da es mit den Belegexemplaren vom Verlag sicher noch ein Weilchen dauert. Außerdem, 9 Euro für einen solchen Roman... *hüstel* 8-)

Nächste Woche hab ich erstmal ein paar Tage Urlaub und da warten dann gleich zwei Schreibprojekte auf mich: Zum einen steht ein LodlanD-Abenteuer für das Scientia/Kobe-Uppland-Quellenbuch (erscheint 2008) auf dem Plan. Zum anderen arbeite ich mich in ein weiteres Rollenspiel ein, da ich mich dort ebenfalls schreiberisch betätigen werde. Aber dazu mehr in ein paar Wochen, sobald ich mich da durchgeackert hab. *g*

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11Nov/070

Jonas´ Reise – Teil 5

Alle bisherigen Teile von “Jonas´ Reise” finden Sie in der Übersicht.

Der langsam laufende Fluss trug einen roten Faden aus Blut in seiner Mitte, bis er sich an der letzten Kachel vorm Duschablauf brach. Ex-Scholle hustete und spuckte Blut auf die Kacheln. Jonas fühlte sich leer. Wie immer, wenn er Informationen auf unfreiwillige Art herausholte. Es gehörte zu seinem Beruf als "Problemlöser", dass er derartiges machen musste. Aber gefallen musste es ihm nicht. Jonas seufzte.
Er drückte den Kopf seines Opfers gegen die nasse Kachelwand und schaute ihm eindringlich in das Gesicht. Der Sandhandschuh hatte seine Spuren hinterlassen, aufgesprungene Lippe, lädiertes Auge, das volle Programm.
"Du musst mir nur sagen, wo Emilie ist, dann lass ich dich sofort in Ruhe. Bin weg und eine gute Stunde später sag ich jemandem Bescheid, der dich befreit. Alles shiny, mein Bester. Also rede!"
Sein Gegenüber lachte höhnisch, wobei die gesprungene Lippe das Geräusch unschön verzerrte. Dann spuckte er ihm schlagartig Blut entgegen, was auf Jonas´ Hose landete. "Klar, Mann. Klar."
Es sah nicht so aus, als ob er reden wollte.
Jonas strich sich mit dem nassen Handschuh über den Kopf, um seine Faust dann unvermittelt vorwärts schießen zu lassen. Ein harter Schlag gegen Sebastians Brustkorb und das Opfer lag würgend und röchelnd auf der Seite, stetig durchnässt von der langsam laufenden Dusche. Auf kalt gestellt natürlich.
Das konnte dauern.

Beiläufig schaute Jonas auf die Uhr. Er bearbeitete Sebastian jetzt schon zwanzig Minuten. So langsam ging ihm die Geduld aus. Er ließ den Nacken krachend kreisen und blickte auf das Häufchen Elend hinunter, das an der Kachelwand lehnte. Viele hätten schon geredet. Entweder hatte Seb die Wahrheit gesagt und er wusste wirklich nichts oder das hier war ein harter Fall. Für jemanden, den Jonas auf 17 schätzte, war er auf jeden Fall ein echter Hammerhai.
Jonas zog sein Opfer hart hoch und zwang ihn in einen geraden Sitz an der Wand. Dann zog er betont langsam eine Druckspritze aus dem Mantel und hielt sie ihm unter die Augen.
"Weißt du, was das ist?"
Panik in den Augen seines Gegenübers. Aber kein Wort kam über die Lippen.
"Es wird dich schreien lassen, wie du noch nie in deinem jämmerlichen, non-shiny Leben geschrien hast. Und dann wirst du reden. Mir alles erzählen."
Kunstpause.
"Aber ich will das nicht. Viel zu teuer, so eine Dosis, für einen solchen Walschiss wie dich. Also, rede, oder ich spritz dich bekloppt."
Er hatte alles erwartet, aber kein Lachen. Sebastian schaute ihn an, das Zittern war aus dem Gesicht verschwunden. Beherrscht sah er Jonas an, noch nicht einmal die allgegenwärtige Angst lag mehr in seinem Blick.
Leise, fast verzückt, flüsterte Sebastian: "Ich komme, Außermeerische." Dann biss er hart zu, lächelte. Plötzlich verkrampfte sich sein ganzer Körper, Schaum vor dem Mund. Jonas sprang zurück, als hätte er die Barbara gesehen. Verdammter Mist! Sebastian wand sich noch ein paar Sekunden in knochenbrechenden Krämpfen, dann war es vorbei. Kein Laut kam mehr von dem Fast-Erwachsenen, das leise Plätschern der Dusche war der einzige Laut im Waschraum.

Jonas ging zügig durch die Gänge von Unten. Er konnte seinem Bauchgefühl also immer noch vertrauen. Als Problemlöser war es oft das einzige, worauf man sich verlassen konnte. Man machte die merkwürdigsten Aufträge für die seltsamsten Leute. Aber wer in diesem kleinen Kreis von Menschen seinem innerem Sonar nicht mehr zuhörte, konnte sich genauso gut ausschleusen lassen. Und sein Bauch hatte ihm schon beim Gespräch mit Emilies Vater mitgeteilt, dass das kein alltäglicher Auftrag werden würde. Bei einem Freundschaftsdienst war es das fast nie, aber dass er nun einen Toten auf dem Sündenkonto hatte, würde ihm noch zu schaffen machen. Sobald der Job gelaufen war, denn währenddessen schaltete man als Problemlöser sein Gewissen besser ab. Sonst verhungerte man in dieser Welt. Oder zögerte die eine Sekunde zu lang, um dann mit gebrochenem Genick im Müll zu verschwinden. Dass Seb sich umgebracht hatte, hätte er nicht verhindern können. Wer suchte bei einem so kleinen Fisch schon nach einem mit Gift gefüllten Hohlzahn? Zeug für die Agentenfilme, aber nicht für einen derart kleinen Fall. Aber spätestens jetzt war es eh keiner mehr.

Jonas ließ den Kaffee langsam die Kehle hinunter rinnen und genoss das Gefühl. Ein verdammt teures bei echtem Kaffee, aber das war es ihm wert. Hart arbeiten, hart feiern. Und wenn es nur eine Party der Geschmacksknospen war. Die Menschen strömten um das Café Paix herum, einem edlen Café auf der Lod3-Promenade, ihrem eigenen Rhytmus folgend. 16 Uhr. Ende der zweiten Schicht. Oder Anfang der dritten, je nachdem. Jonas hatte kein Schichtsystem, er war sein eigener Chef. Wenn der bloß nicht so knausrig mit dem Urlaub wäre. Er grinste und nahm einen weiteren Schluck des exzellenten Kaffes. So, zurück an die Arbeit. Er clippte seinen PDA vom Gürtel und loggte sich ins Lod-Citynet ein. Mal sehen, was das in Lod allgegenwärtige Datennetz so über "Außermeerische" zu berichten wusste.

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28Okt/070

Jonas´ Reise – Teil 4

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Er hörte ein Schlurfen und mehrere Stimmen hinter der fadenscheinigen Tür, dann wurde sie zaghaft einen Spalt weit geöffnet. Die Rollen quietschten, als die Tür ein Stück in die Wand hinein geschoben wurde. Der Hausmeisterservice hier unten war sicherlich exquisit. Ein Schwall verbrauchter Luft schlug Jonas entgegen, dann kam ein "Wer´n da?" grummelnd aus dem Dunkel.
"Gutwach", gab er mit fröhlichster Stimme zurück. "Philipp Heimeblau mein Name, Tagelöhner-Anwerber. Ist Sebastian da? Ich hätte einen Job für ihn..."
Hektische Geräusche aus dem Dunkel, ein gehetztes "Komme gleich", dann wurde die Tür abrupt zugezogen. Einen Anwerber wollte man doch nicht warten lassen. Keine dreißig Sekunden später kam ein junger Mann aus der gut fünfzehn Quadratmeter großen Wohnung, die spartanisch mit drei Doppelbetten, einem Schrank und einem Mini-Klo ausgestattet war. Übliche Heimstatt für die billigen Arbeitskräfte hier unten. Waren sie hier sogar schon auf Schichtschläfer-Niveau herabgesunken oder hatte wenigstens jeder "sein" Bett? Müßig.
"Was für Arbeit hamm se denn?"
Jonas richtete seine Aufmerksamkeit auf den Mann, der wie eine halb ausgewachsener Fisch zwischen Jugendlichem und Erwachsensein steckte. Da seine Haare mit Tonnen von Gel als Platte gestylt waren, beschloss Jonas, ihn Scholle zu nennen.
Jonas zauberte sein freundlichstes Lächeln auf sein Gesicht und bemühte sich, in seinem weiten Mantel so geschäftsmäßig wie möglich zu wirken.
"Umzugs- und Renoveriungshilfe. Schleppen, abbauen, aufbauen ... kannst du doch, oder?"
Angst blitzte in Scholles Augen auf. Wer hier lebte, brauchte Geld. Immer. "Klar, klar, bin stark und gut". Und so eloquent, fügte Jonas im Geist hinzu. Scholles Stimme überschlug sich beim Reden. Wie alt war der Kerl im einfachen Blaumann mit dem Teller als Haare? Siebzehn? Und schon Unten? Oder immer noch?
Jonas schlug ein und ging dann lachend den Flur hinunter, woraufhin sich die treue Scholle sofort an seine Fersen heftete. "Perfekt. Du bist perfekt für den Job. Ich bring´ dich gleich hin."

Achttausend ähnlich aussehende Gänge mit verlumpten Bettlern, dem Geruch von Drogenküchen in der schlecht umgewälzten Luft und ganzen Rinnsalen an Kondenswasser an verschmierten Gangwänden später, bogen Jonas und Scholle ein weiteres Mal ab. Und waren am Ziel. Jedenfalls an Jonas´. Er ging zügig zur verbeulten Tür des öffentlichen Duschraums, auf der im Moment ein großer "Geschlossen wegen Sanierung"-Zettel prangte. Eine für gut 300 LEX erkaufte Zahlenkombination später standen sie im gekachelten Umkleidebereich der öffentlichen Sanitäranlage. Zu Stoßzeiten konnten hier gut zweihundert Menschen gleichzeitig duschen, sich rasieren oder was man sonst hier Unten noch unter Hyginie verstand tun. Es waren schlicht zu wenige der Mini-Wohnungen hier mit Duschen gesegnet, daher hatte die Stadt diese Sääle eingerichtet. Schon, um Seuchen vorzubeugen.
Dutzende Plast-Kisten standen an den Wänden gestapelt, die Arbeiten sollten übermorgen beginnen. Ein Blick auf die bisherigen Armaturen und Duscheinrichtungen bestätigte das Bild, eine Sanierung war mehr als überfällig. Außerdem waren bald wieder Wahlen, da machte es sich sowas immer gut. Jonas schüttelte den Kopf, schaltete das Licht ein und ging tiefer in den Raum hinein. Scholle folgte ihm.
"Hier? Ich darf bei der Sanierung mithelfen?" Helle Freude in der Stimme. Machte sich bestimmt gut bei den Prahlereien mit den Kumpels, bei etwas mitzuarbeiten, was in aller Munde war.
"Hab ich doch gesagt, dass es dir gefallen wird. Hab nur Gutes über dich gehört, Sebastian."
Scholle machte einen Schritt zurück und Mißtrauen blitzte in seinem Gesicht auf. "Von wem?"
Mist, etwas zu dick aufgetragen. Jonas´ Gedanken rasten.
"Na, von deinem letzten Chef", sagte er aufs Geratewohl. Offensichtlich falsch, denn Scholle drehte sich um und wollte wegrennen. Jonas seufzte, zog den Taser aus der Jacke und schoss dem jungen Mann in den Rücken. Scholle fiel vornüber auf die dreckigen Kacheln und tanzte den Elektrotanz. Als die Tasernadeln ihre Ladung abgegeben hatten, blieb er röchelnd liegen.

Jonas stellte den Drehknopf auf eiskalt und das Wasser an. Ein Blubbern in den altersschwachen Leitungen, dann kam erst rostig braunes, dann halbwegs klares Wasser aus dem Duschkopf und durchnässte Scholle. Wobei das binnen Sekunden nicht mehr ganz passte, das billige Haargeld gab Fersengeld und aus Scholle wurde Platschkopf. Auf jeden Fall ein wacher. Der Mann prustete, schüttelte sich und schrie. Jonas schlug ihm ins Gesicht, die Sandschicht im Handschuh dämpfte den Schlag. Jedenfalls für ihn, für Sebastian war er dadurch umso kraftvoller. Jonas stellte das Wasser ab und beugte sich zum Gefesselten herunter.
"Schrei ruhig, hier kann dich keiner hören."
Der Angesprochene warf sich mit aller Gewalt in seine Fesseln, aber die Stahl-Handschellen gruben sich dadurch nur umso tiefer in Knöchel und Handgelenke. Das Spiel dauerte gut eine Minute, dann gab Sebastian auf und sah ihn mit zitternder Unterlippe an, schwankte zwischen Hass und Panik.
Dann wollte er diese Energie mal in auskunftsgebende Bahnen lenken.

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14Okt/070

Jonas´ Reise – Teil 3

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Jonas´ Reise - Teil 3

Jonas nickte dem gelangweilten Kellner hinter der Theke zu, der mittlerweile ein Loch in die Bar poliert hatte. Ob ihm die Haare wegen der schrecklich hämmernden Musik in alle Richtungen abstanden? Nicht auszuschließen. Er nahm den Mini-Faltbildschirm aus der Tasche, zog ihn auseinander und ließ Emilie ein paar Runden in ihrem neuen Kleid drehen, dass er ihr vor einem Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte. Als die Welt noch in Ordnung gewesen war. Der Barkeeper schaute auf das Video, zu Jonas und zurück, dann zuckte er mit den Achseln.
"Was ist mit der Kleinen?"
"Sie soll häufiger hier gewesen sein. Mit wem? Und wann das letzte Mal."
Der Barkeeper scannte ihn regelrecht, hinter der Stirn arbeitete es offensichtlich.
Jonas erleichterte die Gedankengänge mit einem 200-LEX-Schein, den Zottel zügig in seiner Hose verschwinden ließ.
"Letzten Samstag mit ein paar anderen Typen in ihrem Alter. Haben ganz harmlos gefeiert, aber je später der Abend, desto heftiger haben sie gesoffen."
Jonas fixierte den Barkeeper. "Mann, lass dir nicht jedes Wort einzeln aus dem Schott ziehen!"
Zottel hob abwehrend die Hände. "Mach hier nicht den Okto-Pete, Alter. Chilly!"
Jonas würde ihm gleich "Chilly" geben!
"Haben sich so richtig zulaufen lassen und ein paar ihrer Freunde sind ziemlich abgetickt. Haben die dann um 02 Uhr vor die Tür gesetzt. Wo die danach hin sind, weiß ich nicht..."
Das Wort "aber" lag regelrecht in der Luft.
Jonas seufzte und legte einen weiteren Zweihunderter auf den Tisch. Gut vier Stundenlöhne in fünf Minuten verdient, guter Deal für Zottel.
Der Schein wanderte schnell zu seinem Verwandten und der Barkeeper lächelte. "Aber ... ich kann dir die Adresse eines ihrer Freunde geben. Hatte hier eine Woche vorher einen Spiegel kaputt gemacht, daher haben wir die Personalien aufgenommen."

Jonas zog den Mantel enger und versicherte sich zum dritten Mal in fünf Minuten, dass sein Taser, eine Pistole mit Strom-Betäubungspfeilen, geladen war. Lod5, das "Unten". Lod war mit der Zeit in die Tiefe gewuchsen, in den Fels hinein. Und die Grundregel für Besucher war einfach: Je tiefer, desto schäbiger. Und er war verdammt tief. In den Ebenen der Kleinkriminellen, Tagelöhner und Drogenküchen. Da hatte sich Emilie ja wahrlich nette Freunde ausgesucht. Jonas´ Schritte hallten dumpf auf dem Stahlgitter des Gangs, ein fauliger Geruch stieg von der Brühe hoch, die darunter umher schwappte. Eine Schlange hatte sich vor einer Ausgabestation der Grünen Alge gebildet. Speisung für die Armen. Mutig von den Grünalgen, hier unten freiwillig zu arbeiten. Mutig und dumm. Wäre nicht das erste Mal, dass eine Armenstation wegen der Vorräte und Medikamentenschränke überfallen wurde. Hier unten ließ sich das Departement fast nie blicken und wenn, dann nur in Garnisonsstärke.
Jonas beschleunigte seine Schritte, bog in eine Seitengasse des unterirdischen Labyrinths ein und sah sich plötzlich einer Gruppe von jugendlichen Schlägern gegenüber, die einen Bettler zu Boden traten. Ein schwerer Stiefel krachte gegen das verdreckte Gesicht des Alten, die zerrissenen Lumpen sogen sich augenblicklich mit dem Blut der dicken Platzwunde voll. Zwei der Jungs schnellten zu ihm herum und taxierten ihn. Jonas ging zügig weiter, hörte hinter sich das Geräusch dumpfer Schläge und das Knacken von Knochen. Traurig, aber Alltag hier unten. Wenn er geholfen hätte, wäre er es, dem jetzt die Knochen gerichtet würden. Hier Unten kam man ohne Unterstützung einer Gang nicht weit, Taser hin oder her.
Zwei Abbiegungen später stand er vor Wohnungstür Nummer 124 und trat dezent gegen das verbeulte Fußblech der Tür. Wer hier auf das Funktionieren von Klingeln vertraute, dem war nicht mehr zu helfen.

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30Sep/070

Jonas´ Reise – Teil 2

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Jonas´ Reise - Teil 2

Jonas nahm einen tiefen Schluck Cidration, ließ das Algenbier die Kehle hinunterrinnen und seufzte laut auf. Nicht, dass es im Lärm der Kneipe jemand gehört hätte. Fast alle Gäste der gutbesuchten Sportbar schauten zur Übertragung der heutigen SpoHa-Partie. Leviathans gegen Algerdykerren, die Arbiträer würden mit den Uppländern den Boden aufwischen, das war jedem Anwesenden klar. Aber es war ein guter Grund, bereits jetzt ein Algenbier zu trinken und Fünfe gerade sein zu lassen. Jonas drehte den Kopf wieder zu Sebastien auf der anderen Seite des Tischs.

"Warum glaube ich bloß nicht, dass das ein freundschaftliches Besäufnis ist, zu dem du mich eingeladen hast?!"
Sebastien zuckte kurz zusammen, seufzte und schaute Jonas aus tiefen, traurigen Augen an.
"Erwischt." Er zögerte, dann: "Es geht um Emilie."
Es musste Monate her sein, dass er die Tochter des Kneipenbesitzers das letzte Mal gesehen hatte. Ein lebenslustiges Mädel mit den wachen Augen ihrer Mutter gesegnet. Energiebündel. Und für ihre 18 Jahre nett anzusehen. Jonas lachte innerlich auf. Ein solcher Gedanke von jemandem, der die 40 bereits Jahre hinter sich gelassen hatte.
Jonas nickte, bedeutete fortzufahren.
"Sie ist verschwunden. Seit zwei Wochen. Keiner hat sie gesehen, ich habe überall herumgefragt." Tränen schimmerten in den Augen des Mannes. Jonas nickte. Er hatte Sebastien noch nie so gesehen. Der Hai von einem Mann hatte kampflustige Stawaner mit bloßen Händen aus seiner Bar geschmissen und mit gebrochenen Rippen noch zwei Arbiträer fertig gemacht. Aber Emilie bedeutete Sebastien alles, seitdem seine Frau bei einem Piratenüberfall vor zwei Jahren getötet worden war. Harte Zeiten. Er nahm einen weiteren Schluck des grünlichen Bieres.
"Erzähl mir alles, was du weißt". Er würde helfen. Ehrensache für jemanden, der "Problemlöser" in seiner Visitendatei stehen hatte.

In Gedanken versunken bahnte sich Jonas seinen Weg durch den Sündenpfuhl - Lod3, die mittlere Kuppel der Hauptstadt. Nullebene, Hauptstraße, brechend voll, zu jeder Uhrzeit. Jonas ließ sich mit dem Strom treiben, vorbei an aufmerksamkeitsheischenden Theatern, Strip-Bars und Drömhusens. Ob wohl der neue Film von Funda Fiel dort schon lief? Er würde nachsehen. Später.
Sebastien hatte ihm kaum etwas sagen können. Seine Tochter hatte sich in den vergangenen Monaten regelrecht von ihm abgenabelt, ließ ihn nicht mehr an ihrem Leben teilhaben. Kein allzu abnormaler Vorgang bei einer jungen Frau. Auch nicht, dass sie sich für längere Zeit nicht mehr hatte blicken lassen. Aber dass sie ihr Konto bis zum letzten Lex geplündert hatte und die Abschiedsuhr der Marine ihres Vaters ebenfalls weg war, stimmte dann schon bedenklich. Es sah der ehrlichen, vielleicht etwas naiven Emilie nicht ähnlich. Und er hatte dieses Kribbeln in der Nase. Es würde schuppig werden.

Um 100 LEX ärmer betrat Jonas Lod Brei. Die Disco hatte ihren lächerlichen Namen vormerklich der dauerlallenden Gästeschar zu verdanken, es war No-Brain-Unterhaltung, wie die Scientianer sagen würden. Was wohl heute auf dem Programm stand? Die Wahl zur Miss Oberweite oder doch zum Mister Knackarsch? Die Massen waren berechenbar. Wer einfache Unterhaltung im von Beats untermalten Ambiente suchte, kam ins Lod Brei. Der Laden war schlecht besucht, kein Wunder, es war gerade erst Mitte der zweiten Schicht. Vor Schichtende war es in den Discotheken selten voll. Das Drei-Schicht-System, das den Tagesablauf in Lod bestimmte, sorgte dafür, dass stetig jemand ins Bett ging während ein anderer sich auf den Weg zur Arbeit machte und ein Dritter seine Freizeit genoß. Lod schlief nie.

Er hatte sich etwas umgehört. Emilie hatte wenige Freunde, war etwas eigenbrötlerisch, womit sie nach ihrem Vater kam. Aber in ihrer Berufsschulklasse erzählte man sich, dass sie sich im Lod Brei ab und an etwas dazuverdiente. Natürlich ohne dass es Daddy wusste. Nicht gerade die Arbeitsstelle, die man gerne herumerzählte. Beim Servieren an den Arsch gepackt zu werden, war hier noch die harmloseste Anmache.

Jonas wich einem Besoffenen aus, der ihm im engen Eingangsbereich der Disco entgegentaumelte und stemmte sich gegen die akkustische Wand, die ihm entgegenhämmerte. Wummernde Bässe ließen seine Zähne vibrieren, als er die letzte Zwischentür passierte und direkt in der Haupthalle der Disco herausgespült wurde. Eine große Tanzfläche in der Mitte, drumherum Sitzecken und eine Bar samt kleiner Bühne. So weit, so einfallslos. Zu dieser Uhrzeit war auf der Tanzfläche kaum etwas los, was den DJ nicht störte, er jagte die Lautstärke stetig auf neue Höhen. Die meisten Gäste lümmelten in den Sitzecken oder saßen an der Bar. Wenn sie nicht gerade davor lagen. Jonas atmete tief durch, was er sofort bereute. Die Luftumwälzer der Disco waren wohl im Urlaub, grauenhaft. Dabei waren sie gerade mal vierhundert Meter unter dem Meeresspiegel, das bekamen sie ja sogar in Stawa besser hin. Er schüttelte den Kopf und ging außen an der Tanzfläche umher zur Bar. Irgendwer würde sich hier wohl an die hübsche Emilie erinnern. Dafür würde er sorgen.

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Der junge, deutsche Autor und Redakteur Jan-Tobias Kitzel berichtet von der Schreibfront. Infos zu seinen Veröffentlichungen und laufenden Projekten sind hier ebenfalls zu finden.

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